Leitartikel, Ausgabe 47

Maik Schwarz

Maik Schwarz

Gestern, heute und morgen

Vor genau neunzig Jahren, am 28. September 1923, wurde in Berlin das erste BMW Motorrad vorgestellt. Mit Zweizylinder-Boxermotor und Kardanantrieb zum Hinterrad entsprach die R 32 jenem Grundkonzept, nach dem im Jahr 2013 immer noch die meisten Motorräder im Spandauer Werk gebaut werden. Gute Zeiten, schlechte Zeiten – das gilt natürlich auch für BMW. Der Zweite Weltkrieg bremste die Entwicklung. Danach, in den Wirtschaftswunderjahren, strebten alle nach einem Auto – zum Nachteil der Motorradabteilung. Und in den 1970er Jahren machten die Japaner den Euro­päern ziemlichen Leistungsdruck. Mit der R 90 S und später mit den K-Modellen hielt die Münchener Entwicklungsabteilung tapfer dagegen. Vor allem aber mit dem Phänomen GS, denn Reise­enduros sind seit 1980 traditionell die stärksten Pferde und zugleich die stärkste Säule im BMW-Stall.
Seit der Jahrtausendwende erstreckt sich der Wachstumskurs bei BMW Motorrad in verschiedene Richtungen. Mit Cruiser, C 1-Roller, Scarver und Rockster sollten mehr Zielgruppen angesprochen werden – auch jüngere. Mit dem HP2-Edel-Label folgten weitere Über­raschungen. Unter kommerziellen Aspekten blieben all diese Vorstöße hinter den Erwartungen zurück. Rückblickend betrachtet haben sie der Marke trotzdem gut getan.
So kann man auch das Superlativ S 1000 RR einordnen, schon jetzt, zu dessen Lebzeiten. Zumal bei dem 200 PS starken Überflieger sogar die Nachfrage relativ stark ist. Und das, obwohl das Marktsegment der extremen Sportgeräte schon seit einigen Jahren schrumpft. BMW hat hier die Konkurrenz verdrängt und spielt derzeit quasi den sportlichen Schlussakkord, fortissimo. Vor diesem Hintergrund erscheint der kürzlich verkündete Ausstieg aus der Superbike-Weltmeisterschaft durchaus konsequent. Es ist eine nüchterne, leidenschaftslose Entscheidung, die nun im kühlen Manager-Stil abgewickelt wird. Für Stephan Schaller, den derzeitigen Leiter der BMW-Motorradabteilung, ist das anscheinend typisch. Dennoch ist die Entscheidung richtig. In den barrierefrei zu empfangenden TV-Kanälen findet die Superbike-WM allenfalls am Rande statt, nur wenige Läufe werden ungekürzt und live übertragen. Die im Rennsport erfolgreichen Maschinen der Mitbewerber stehen sich im Handel die Reifen platt, ungeachtet ihrer goldenen Lorbeerkranz-Sticker auf dem Tank.
Ob es uns gefällt oder nicht: In Zukunft werden andere Dinge wichtig sein. Etwa elektrische Antriebskonzepte wie beim BMW C evolution, der im nächsten Frühjahr in den Handel kommen soll. Oder global-strate­gische Kooperationen wie neuerdings auch zwischen BMW und dem indischen Leichtkraftradhersteller TVS. Mit Mobilität in Ballungsräumen befassen sich die Produktplaner, währenddessen schielen die Vertriebsleute auf die umsatzträchtigen Regionen von morgen: China, Indien, Brasilien. In diesen Tagen werden einige Weichen gestellt, mit einem Weitblick, der bis hin zum 100-­jährigen Markenjubiläum reicht.
Für die konservative Stammklientel hierzulande sind solche Entwicklungen dennoch kein Grund zur Sorge. Denn nicht nur mit dem riesigen Bestand an BMW Motorrädern aller Baujahre wird die klassische Freude am Fahren noch für Jahrzehnte gut zugänglich bleiben. Unser Boxer ist mit Wasserkühlung langfristig abgesichert, und am 16. Oktober soll endlich jene lange erwartete neue BMW enthüllt werden, die den anhaltenden Retro-Trend aufgreift: die „NineT”. Mit luftgekühltem Boxermotor, wie 1923.

Feiern Sie den Neunzigsten mit, hier und heute. Lassen Sie sich von unserer 47. Ausgabe mitreißen.

 

Maik Schwarz

 

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